Schwarzkehlchen

Tiere und Pflanzen finden neue Lebensräume auf Brachflächen im Ruhrgebiet – Schwarzkehlchen ist zurück
Aus der WAZ-Wochenendbeilage vom 30.04.2005 von Verena Liebers.
Das Ruhrgebiet wandelt sich von der Industrie- zur Tourismusregion. Nicht nur die Kultur-, auch die Tier- und Pflanzenwelt wird immer vielfältiger: Unterdessen brüten sogar wieder Schwarzkehlchen an der Ruhr. Die touristische Nutzung ist jedoch für manches entstehende Biotop eine neue Gefahr. Seit Naturschutzgebiete an der Ruhr vor menschlichen Besuchern ganz geschützt werden, brüten dort seltene Schwarzkehlchen. Die Insektenfresser, die den Rotkehlchen ähneln, sind auf der roten Liste der gefährdeten Vogelarten Nordrhein-Westfalens in „Kategorie 2“ aufgeführt, das heißt, sie sind stark gefährdet.
Das braun-beige gefärbte Weibchen baut ein Nest aus Gras und Moos in niedrigen Büschen oder auf dem Boden. Das Brüten besorgt das Weibchen alleine, beim Füttern der Nestlinge beteiligt sich jedoch das Männchen, das mit rot-orangener Brust und schwarzem Kopf etwas auffälliger gefärbt ist.

Die Bodenbrüter leiden bei uns besonders unter der Zerstörung ihres Lebensraumes, da trockene, spärlich bewachsene Flächen häufig umgepflügt und bepflanzt werden. Aber auch Touristen, vor allem Spaziergänger mit Hunden, sind eine Bedrohung für diese Sperlingsvögel. Wenn die Ruhraue als Lebensraum erhalten und weiter entwickelt werden soll, ist es deshalb nicht nur für das Schwarzkehlchen wichtig, dass neben den touristisch erschlossenen Regionen auch ungestörte Biotope bestehen bleiben.

Das gilt auch für die Bergehalden im Ruhrgebiet. Diese ehemaligen Industriezonen sind keinesfalls nur unnützes Brachgelände, sondern besondere Lebensräume, die die Natur zurück erobert – wenn man sie lässt. So heizt sich das dunkle Haldenmaterial an Südseiten mitunter beträchtlich auf und gibt die Wärme im Tagesverlauf nur zögernd ab. Das führt dazu, dass eine ganze Reihe wärmeliebender Tier- und Pflanzenarten nur auf den Halden ihre nördlichste Verbreitung haben. Dabei bieten vor allem die Gebiete, die nicht für den Tourismus erschlossen sind, ungestörte Möglichkeiten der Vermehrung für seltene Pflanzen und Tiere.

Ungestört fortpflanzen konnten sich die Schwarzkehlchen unterdessen auch an der Forschungsstelle für Ornithologie in Andechs/Seewiesen. Den Max-Planck-Forschern gelang es, die Populationen aus vier verschiedenen Klimazonen zu züchten. Die Schwarzkehlchen aus dem kontinentalen, den gemäßigten, atlantischen und äquatorialen Klimazonen unterscheiden sich in der Länge der Brutsaison und dem Zugverhalten. Während die Vögel aus Kasachstan nach einer kurzen Brutsaison 6000 Kilometer nach Indien oder Pakistan fliegen, um zu überwintern, haben es österreichische und deutsche Vögel bis zum Mittelmeer nicht ganz so weit. In Irland sind die Schwarzkehlchen Teilzieher, das heißt, nur ein Teil fliegt im Winter in den Süden. Kenianische Vögel zeigen gar kein Zugverhalten.
Durch die Andechser Zucht ergab sich die einzigartige Möglichkeit, den Ruhestoffwechsel, also den Sauerstoffverbrauch der Tiere während der Ruhepause, der verschiedenen Populationen zu vergleichen. Das Ergebnis der Untersuchungen war eindeutig: Die vier Tiergruppen zeigten angeborene Unterschiede in den Stoffwechselraten. Kenianische Vögel hatten den niedrigsten, die Tiere aus Kasachstan die höchste Stoffwechselrate. Weiterhin mausern sich Schwarzkehlchen aus nördlichen Breiten schneller und legen mehr Eier als ihre tropischen Artgenossen.
In kälteren Regionen scheint der „Lebensmotor“ also hochtouriger zu laufen als in den Tropen – vielleicht, weil die Tiere mit extremeren Umweltbedingungen zu kämpfen haben und daher zum Beispiel gezwungen sind, dem Winter davon zu fliegen.

Die Forscher gehen überdies von einem Zusammenhang zwischen der Stoffwechselrate und der Lebensdauer aus. So leben Säugetiere mit niedrigerem Ruhestoffwechsel in der Regel länger als solche mit höherem. „Bevor man daraus eine allgemeine Regel ableitet, muss man aber erst noch weitere Fragen erforschen,“ meint Prof. Eberhard Gwinner, Direktor an der Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie.

Aber unabhängig davon, ob die Schwarzkehlchen stoffwechselbedingt eine geringere oder höhere Lebenserwartung haben: Nur dort, wo ihre Biotope erhalten bleiben, haben sie eine Chance zu überleben.

Verena Liebers

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