Freigängerkatzen – ein Problem für die heimische Natur

Die Bedrohung der heimischen Artenvielfalt vollzieht sich schleichend und zum größten Teil fast unmerklich und unsichtbar, aber in Zahlen gefasst mit dramatischen Ausmaßen.

Dies gilt auch für den durch Hauskatzen verursachten Schwund an Individuen heimischer Tierarten, insbesondere in Bezug auf Kleinvögel. Rund zwei Drittel der 12,9 Millionen (Stand 2015) in Deutschland lebenden Katzen gehen hauptsächlich in der Dämmerung sowie nachts, aber auch durchaus tagsüber, auf Fangtour. Auch nach Auffassung des NABU Vogelexperten Lars Lachmann stellen große, unkastrierte Katzenpopulationen, ein Problem für einige Vogelarten dar, insbesondere für Hecken- und Bodenbrüter sowie für Vögel, die Nahrung am Boden suchen, aber auch für den stadtnahen Wildtierbestand an Kleintieren. Dazu zählen verschiedene Mäuse- und Rattenarten sowie Maulwürfe, junge Wildkaninchen und Feldhasen, Fledermäuse, Amphibien und Reptilien sowie große Insekten wie Heuschrecken und Libellen.

Umfangreiche ökologische Studien in verschiedenen Städten Englands und der USA sowie eine Zusammenfassung des wissenschaftlichen Kenntnistandes der Universität Wien belegen, dass die meist kopfstarken Katzenpopulationen der ansässigen Vogelwelt beträchtliche Verluste zufügen, bis hin zum Aussterben lokaler Populationen einzelner Arten.

Viele Katzenbesitzer/innen behaupten, meine Katze tut das nicht oder nur höchst selten und führen an, dass höchstens einmal pro Woche ein Tier mit ins Haus gebracht wird. Doch leider ist dies nur die Spitze des Eisbergs. Tatsächlich werden viele, wenn nicht die meisten Beutetiere draußen erlegt, gefressen oder nach dem Erlegen einfach liegengelassen.

Freilaufende Katzen folgen instinktiv ihrem Jagdtrieb, unabhängig davon, ob sie gefüttert werden oder auf die Jagd angewiesen sind, also auch wenn sie statt sind. Der Jagdtrieb ist autonom. Er ist immer vorhanden. Der Jagdtrieb ist zwar primär auf Mäuse gerichtet, aber sie erbeuten nicht nur einfach zu fangende Vögel wie verletzte, kranke, alte und schwache Tiere, sondern in der Brutzeit auch unerfahrene Jungvögel und Ästlinge, die noch nicht gut fliegen können, und dies, wie durch Studien belegt ist, in beträchtlicher Größenordnung mit Gefahr für den Fortbestand von lokalen Populationen.

Hinzu kommt, dass bereits die gelegentliche Anwesenheit einer Katze den Bruterfolg von Vögeln messbar reduzieren kann, wie eine britische Studie mit Attrappen von Katzen mit Bezug zu Amsel-Brutplätzen 2013 gezeigt hat. Der Altvogel versucht, die Katze vom Nest abzulenken. Währenddessen plündert ein anderer Beutegreifer das Nest. Außerdem geht dadurch sehr viel Zeit für die Fütterung der Jungen verloren. Mangelernährung der jungen ist dadurch vorprogrammiert.

Pro Jahr sterben in den USA 1-3 Milliarden Vögel, die meisten davon Singvögel, und weitere 6-20 Milliarden Kleinsäuger durch Hauskatzen. Rechnet man dies für Deutschland auf die real existierende Katzendichte in durchschnittlichen Stadtbezirken um, so kommt man hier auf jährlich 200 Millionen Vögel, eine Größenordnung also, die in anderen, durch den Menschen verursachten Zusammenhängen, z.B. Illegaler Vogelfang, mit hohen Gefängnisstrafen geahndet werden.

Die Zahlen allein verdeutlichen aber die Problematik nur sehr unvollständig: stellt man diese Todesraten in einen populationsdynamischen Zusammenhang, so ergeben sich bei manchen Arten schon Anzeichen für ein baldiges Unterschreiten der minimalen Populations- dichte für eine dauerhafte Überlebensfähigkeit des betreffenden Artsystems, das heißt, sie sterben regional aus. Bei allen Vogelarten, die bislang im Rahmen von Langzeitstudien im Siedlungsbereich untersucht wurden, zeigt sich schon jetzt eine negative Populationsbilanz: sie sind auf Zuzug von Populationen aus dem Umland von Siedlungen angewiesen (Gimpel in Berlin, Amseln in Bonn, Kohlmeisen in Essen und etliche weitere).

Katzen sind selbstverständlich nicht alleine für den zum Teil dramatischen Schwund an Tieren verantwortlich. Dringend geboten ist zusätzlich eine naturnahe Aufwertung der gesamten Landschaft, eine drastische Reduzierung des Gifteinsatzes und ein Stop, besser eine Rücknahme der Flächenversiegelung, denn 45% aller in NRW vorkommenden Arten sind vom Aussterben bedroht („Rote Liste“-Arten). Bei den Vögeln sind es sogar 62%. (Hierzu werden wir in Kürze weitere Informationen online stellen)

Was ist zu tun?

Eine gute Lösung für diese Problematik gibt es nicht. Hier kann man nur versuchen, die absolut negativen Effekte der massenhaften Katzenhaltung etwas abzumildern:

  • Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit, intensive Aufklärung der Katzenhalter

  • möglichst kein Freigang in der Brutzeit von April bis Mitte Juli

  • kein Freigang in Siedlungsbereichen, die an Naturschutzgebiete grenzen

  • Kastrierung, Chipen und Registrierung auf Kosten der Halter

Appell an die Katzenhalter und solche, die es werden wollen:

Katzen mit Freigang stellen ein großes Naturschutzproblem dar. Seien Sie verantwortungsbewusst. Beherzigen sie die obigen Vorschläge! Und falls Sie noch vor dem Kauf einer Katze stehen: vielleicht können Sie sich ja auch für ein Haustier entscheiden, welches deutlich weniger naturbelastend wirkt.

Dr. Fritz Ludescher, Ökologe und Biologe

Langjähriger Akademischer Rat am Ökologielehrstuhl der Uni Duisburg/Essen

Mitglied im Beirat der Unteren Landschaftsbehörde

Lesen Sie bitte auch den Artikel über Auswirkungen freilaufender Hunde auf die Natur

Hier finden Sie die Studie, welche methodisch am genauestes und umfangreichsten das Thema untersucht hat (engl., Volltext kostenpflichtig)

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse in deutsch finden Sie hier.

Eine Übersichtsstudie zum Stand der Forschung in deutscher Sprache gibt es hier.

Eine beachtenswerte Stellungnahme einer Tierpsychologin finden Sie hier.

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