Die Haltung afrikanischer Weißbauchigel

Ein Erfahrungsbericht von Almuth Riedel 6/14

Nach über 15 Jahren Arbeit mit unseren einheimischen Braunbrustigeln hat der Igel-Notruf im Arbeitskreis Umweltschutz Bochum e.V. im Mai 2014 zum ersten Mal exotische Igel aufgenommen.
Es handelte sich um drei afrikanische Weißbauchigel, zu erkennen an den hellen Stacheln, spärlicher Behaarung im Gesicht, rosa Nase und Gliedmaßen und nur 4 Zehen an den Vorderfüßen.
Wir hatten einen Anruf des Tierheims Herne erhalten: dort stand ein junger Mann mit den drei Igeln im Karton und wollte sie im Tierheim abgeben. Er erzählte, die Tiere gehörten einer Bekannten, die ihren Vater nach einem Schlaganfall habe pflegen müsse und die Tiere daher vernachlässigt habe. Die ganze Wohnung habe nach ihnen gestunken; er habe sie überredet, ihm die Tiere zur Abgabe in Tierheim zu überlassen, damit sie nicht zu Grunde gehen. Es handele sich um zwei Weibchen, die zusammen gehalten wurden, und ein Männchen, das einzeln gehalten wurde. Die Tiere seien nur mit Katzenfutter ernährt worden. Sie seien 4 -5 Jahre alt.
Das Tierheim Herne ist auf die Aufnahme von Igeln, insbesondere Exoten nicht eingerichtet; aus Sorge, dass die Tier ausgesetzt werden, wenn wir sie nicht übernehmen, haben wir sie aufgenommen.
Bei der Aufnahme wurde uns die Tiere in 2 Pappkartons übergeben, die mit Holzspänen und Lappen gefüllt waren. Ein Blick auf die Bauchseite der Tiere ergab, dass es sich bei den zusammen gehaltenen „Weibchen“ um zwei Männchen handelte, eines mit 385 Gramm (1) , das zweite mit 330 Gramm, einem großflächigen Stachelverlust auf dem Rücken mit schuppiger Haut sowie einer alten Verletzung des rechten Ohres: die Ohrmuschel fehlte ganz, das Ohr war verwachsen, ein Gehörgang nicht zu erkennen. Dieses Männchen rollte sich kaum zusammen und war sehr lebhaft (2). Das einzelne Tier, ein Weibchen, wog 386 Gramm und war gut bestachelt, rollte sich aber ständig ein und fauchte lebhaft (3 ). Von der Figur her war das kleinere Männchen sehr schmal, die schweren Tiere hatten eine birnenförmige Figur und waren von Gestalt und Stachelkleid her annähernd normal.
Wir haben die Tiere zur Beobachtung einzeln gesetzt; die Männchen, weil wir den Verdacht hatten, dass in der vorherigen Gemeinschaftshaltung das kleinere Tier ggf durch das größere Tier zu sehr bedrängt und verletzt worden war. Das Weibchen setzten wir einzeln, um Nachwuchs zu verhindern.
Nach den Angaben von Ditte und Giovanni Bandini über Pro-Igel e.V. und anderen sowie der eigenen Erfahrung haben wir die Igel in unsere größten Innengehege ( 160 x 70 cm ) auf Zeitungspapier gesetzt. Die Holzhäuschen wurden desinfiziert und mit Küchenrolle gefüllt; die üblichen Naturmaterialien wie Stroh und Heu haben wir wegen möglicher Infektionsgefahr mit Milben etc. nicht verwandt, zumal die Tiere durch den Ortswechsel Stress hatten und ihr Immunsystem auch durch die vorherige schlechte Haltung geschwächt war.. Große flache Untersetzer mit Chinchillasand wurden im Backofen erhitzt und abgekühlt als Sandbad in die Gehege plaziert. Zudem haben wir die Gehege mit desinfizierten Röhren und kleinen Kartons, gefüllt mit Durchlauflöchern und ein paar Brocken Katzentrockenfutter und Küchenrolle, zur Beschäftigung in die Gehege gestellt.
Alle Gehege wurden in unserem wärmsten Raum, dem Trockenraum mit der Fernwärmeheizung, bei ca 21 Grad auf Styroporplatten aufgestellt. In den ersten 14 Tagen haben wir den Raum mit Zusatzheizung auf ca 23 Grad aufgeheizt; da sich aber herausstellte, dass das Fressverhalten und die Aktivität der Tiere sich durch die Wärme nicht verbesserte, sind wir bei 21 Grad ohne Zusatzheizung geblieben.
Das zuerst angebotene Katzennassfutter ( ohne Zucker und Getreide mit hohem Fleischanteil Geflügel ) verschmähten die Igel; auch Katzentrockenfutter wird unabhängig von der Sorte kaum angenommen. An Lebendfutter wie Mehlwürmer und Zoophobas mussten sich die drei erst gewöhnen, wobei das kleine stachellose Sorgenkind (2 ) als erster das Lebendfutter für sich entdeckte und seitdem mit Begeisterung verdrückt. Zudem nehmen sie Hühnerfleisch gekocht, am liebsten Hühnerflügel mit viel Haut, knabbern auch die Knochen ab und fressen den Knorpel.
Sonstige Angebote wie Schabefleisch, See- oder Süsswasserfisch, Hühnerrührei, Süßwassergarnelen oder verschiedenes Obst wie Weintrauben, Rosinen, Bananen, Avocados oder Nüsse werden verschmäht.
Das größere Männchen ( 1 ) hat binnen 14 Tagen fast 100 Gramm auf 480 Gramm zugenommen, sodass wir das Futter rationieren mussten. Zudem sind seine Fußballen angeschwollen, obwohl im Gehege keine Anzeichen von Hospitalismus, übermäßiger Bewegung oder intensiven Ausbruchsversuchen zu beobachten sind, im Gegenteil, das Tier bewegte sich sehr gemütlich.
Das Weibchen ( 3 ) hat 60 Gramm zugenommen und liegt jetzt bei ca 440 Gramm. Das kleinere Männchen hat trotz Extraportionen und gutem Appetit nur 40 Gramm zugenommen, ist aber auch sehr sportlich aktiv und räumt jede Nacht sein Gehege um.
Eine Drei-Tage-Kotprobe aller Tiere war ohne Befund; Innenparasiten waren also nicht vorhanden.
Ein Nachwachsen der Stacheln bei dem kleineren Männchen ( 2 ) ist bisher nicht erfolgt; Milben- oder Pilzbefall ist nach tierärztlicher Untersuchung ausgeschlossen worden; wir vermuten eher, dass Stress durch die Haltung mit dem größeren Männchen und Mangel- und Fehlernährung durch die jahrelange Gabe von Katzenfutter die Ursache ist. Dem wird jetzt durch die Gabe von Coenzyme compositum, Hepar Com. Heel und Cutis Compositum, jeweils 0,5 mg 1 x täglich per injectionem sowie der Futterumstellung entgegengewirkt.
Zudem soll das Futter durch Heuschrecken u.ä. Insekten angereichert werden.
Nach unseren Beobachtungen sind die Tiere in der Regel erst spät nachts zwischen 24.00 und 5.00 Uhr aktiv. Das Sandbad wird gern angenommen; die Tiere wälzen sich darin, kratzen herum und benutzen es auch als Toilette. Auch die Häuschen und Kartons werden gern benutzt; die Tiere verschleppen die Hühnerflügel in die Kartons, um dort unbeobachtet und sicher zu fressen. Von einer weiteren Anregung für die Tiere durch Naturmaterialien wie Heu, Stroh, Korkeichenröhren, Erde, Äste, Blätter oder Rasensoden haben wir bisher aus Sorge vor möglichen Infektionen abgesehen. Auch einen Aufenthalt im Außengehege haben wir bisher nicht angeboten, zu einen wegen der Temperatur und Nässe im Mai 2014, aber auch wegen des Infektionsrisikos; die Tiere sind seit Jahren nur Wohnungshaltung gewohnt und ihr Immunsystem reicht vermutlich nicht aus, um der Konfrontation der Freilufthaltung standzuhalten.
Ein zutrauliches Verhalten wie z.B. Aus- dem- Haus -Kommen zur Fütterung oder Fressen aus der Hand zeigen die Tiere nicht, obwohl sie ja angeblich 4 – 5 Jahre mit Menschen in der Wohnung zusammengelebt haben sollen.

Nach zwei Monaten Aufpäppeln konnten wir die Tiere in die Wildtierstation Fiehl in Schleswig-Hostein zur Dauerhaltung abgeben.
Das Weibchen (3 )wog zuletzt 433 Gramm bei guter Durchstachelung und stabiler Körperform. Es bewegte sich zwar ausgiebig, nahm auch das Sandbad mit darin verstecktem Lebendfutter sowie Heuschrecken und Hühnerflügel gern an, zweigt aber kein besonders aktives Verhalten; das Gehege wirkte stets „aufgeräumt“.
Das größere Männchen ( 1 )zeigte eher ein träges Verhalten, nahm jedoch gern Insekten und Lebenfutter an und nahm auf 502 Gramm zu; die Körperform war rund und es konnte sich nicht mehr vollständig einrollen, war also übergewichtig. Mit dem Weglassen der Mehrwürmer und Zoophobas und einer Diät aus Insekten und Hühnerflügeln konnte das Gewicht auf 490 Gramm reduziert werden; die Fortführung der strengen Futterkontrolle ist angezeigt.
Das zweite Männchen ( 2 ) zeigte weiterhin ein sehr aktives Verhalten; es lief sehr viel und wühlte sein Gehege um; es beschäftigte sich ausgiebig mit Kartons, Röhren und ähnlichem Spielzeug und räumte jede Nacht sein Gehege um. Seine Bestachelung hat gut auf die Fütterung mit Insekten reagiert, wobei Heuschrecken am beliebtesten waren, gefolgt von Heimchen; Steppengrillen oder Zwei-Fleck-Grillen wurden nicht so gern genommen. Der Rücken ist nun gut bestachelt; die Haut schuppt nicht mehr. Das Tier wog zuletzt 428 Gramm; die Körperform war stabil.

Abschließend können wir nur von der Haltung dieser Tiere abraten. Abgesehen davon, dass man sie täglich sauber machen muss, sie kaum sieht, weil sie erst ab Mitternacht für ein paar Stunden aktiv sind, artgerechtes Futter recht teuer und die Haltung damit aufwändig ist, die Tiere einen Bezug zum Menschen ablehnen, kann die Wohnungshaltung selbst in großem Gehege für das Wildtier Igel zu wenig Platz, zu wenig Abwechselung und zu wenig Anregung bieten. Eine solchermaßen erzwungene deprivierende Haltung ist auf Dauer Tierquälerei.

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