Artenschutz – Wozu?

Warum brauchen wir Artenschutz?
Was interessiert mich die Rotbauchunke, der Schweinswal oder die Feuerlilie? Nutzt es der Welt überhaupt, wenn einzelne Tierarten gerettet werden? Haben wir nicht dringendere Probleme als das Aussterben der Meeresschildkröten?
Auf diese Frage soll dieses verkürzte Essay des Greenpeace-Mitarbeiters Gerhard Wallmeyer eine Antwort geben.

Feiern die Sioux-Indianer auf der Prärie ein Ritual, so muß der gesamte Kosmos zugegen sein und die Feier miterleben: alle Tiere, Pflanzen, Erde, Wasser usw. bis ins Unendliche. Die alten Männer und Frauen des Stammes sitzen rings an den Wänden des Ritualzeltes – Nachbildung und Symbol des „Welthauses“ – und halten diese Symbole leibhaftig in den Händen. Was nicht fassbar ist – Sonne, Mond, Nacht, Sternbild – denkt man sich geistig anwesend.
Man stelle sich nun vor, hier fehle auf einmal dieses oder jenes Stück Weltinhalt, weil der Mensch es ausgerottet hat! Eine solche Lücke wäre eine Katastrophe.

Ganz anders die aufgeklärten Weißen mit abendländischer Zivilisation und Kultur: Welchen Schaden habe ich, die Gesellschaft oder meine Firma, wenn die eine oder andere Art ausstirbt? Wo ist die logische Begründung, wo die kausale Ableitung für den konkreten Schaden, wenn es die Rotbauchunke, den Schweinswal oder die Feuerlilie nicht mehr gibt?
Einige meinen, die Ehrfurcht vor der Schöpfung gebiete es den Menschen jedes Leben zu schützen. Die Anderen meinen, erst die genaue Beweisführung des Nutzens der Arten für den Menschen könne den Artenschutzgedanken begründen.

Für den Nutzen der Arten können gewichtige Argumente ins Feld geführt werden. So werden etwa 25 % aller Medikamente aus Pflanzen, 13 % aus Mikroben und 3 % aus Tieren hergestellt. Botaniker schätzen, dass noch 50.000 von Pflanzen produzierte chemische Verbindungen auf ihre Entdeckung warten.
In der Welternährung spielt die Vielfalt der Arten eine immer gewichtigere Rolle: Als Genauffrischung der gegen Schädlinge nicht mehr resistenten Arten. Dreiviertel der Welternährung werden durch 12 Pflanzenarten geleistet. Eine genetische Einförmigkeit, die Epidemien geradezu provoziert. Es gibt Genbanken, wo die Samen aussterbender Arten gekühlt gelagert werden. Doch ein Stromausfall im Kühlkompressor raffte schon – wie es in Peru passierte – wertvollste Sammlungen dahin.

Die Erhaltung der gesamten biologischen Vielfalt, also unwiederbringlicher genetischer Ressourcen, ist notwendig, um durch züchterische Fortschritte, mit Hilfe von Rückgriffen auf die „Rohstoffe“ Wildtier und Wildpflanze, das Genmaterial von Vieh und Nutzpflanzen aufzufrischen, um so die Erträge zu steigern und damit den Welthunger zu bekämpfen.
Aber auch, um mit Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung gegen verheerende Tier- und Pflanzenseuchen anzugehen, wenn sich deren Erreger als immun gegen chemische Gifte erweisen.
Und nicht zuletzt, um die Vorteile intakter natürlicher Kreisläufe, wie z. B. der Humusbildung und der biologischen Gewässerselbstreinigung, für die Menschheit nutzen zu können.
Wer vermag zu sagen, was passiert, wenn die Feuerlilie oder Rotbauchunke aussterben? Und dies ist auch genau der Grund, dass sie nicht aussterben dürfen. Die Chancen, ein Raubinsekt zu finden, das genau jenes Schadinsekt frißt, welches gerade über unsere Monokulturen herfällt, sind eben nur solange gegeben, wie es dieses Insekt noch gibt.

Für die Indianer war es überlebenswichtig, die Natur in ihrer gesamten Vielfalt genauestens zu beobachten und zu beschreiben. Es gab religiöse Tabuzonen, die niemand betreten durfte – übersetzt ins moderne Deutsch: Naturschutzgebiete also. Für den Indianer wäre der Begriff „Umwelt“ unmöglich: Um wenn herum ist denn die Welt gruppiert? Etwa um den Menschen? In diesem Begriff verrät sich unser egozentrisches Denken. In der indianischen Denkweise und Mentalität ist der Mensch ein Teil dieser Welt und den Naturgesetzen genauso unterworfen wie das Riedgras oder die schwarze Natter. Die Unversehrtheit der Welt gehört zu den Existentgrundlagen indianischen Lebens und zwingt zur dauernden Rücksichtnahme auf das Ganze., zu einer notwendigen Einpassung des Menschen in die Natur – Artenschutz als Existenzgrundlage.

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